Studie: Geschlechtergerechte Sprache beeinflusst Wahrnehmung von Berufen

Wenn Berufe in einer geschlechtergerechten Sprache dargestellt werden, schätzen Kinder typisch männliche Berufe als erreichbarer ein und trauen sich selbst eher zu, diese zu ergreifen. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologinnen und Psychologen an der Freien Universität Berlin: In zwei Experimenten lasen sie 591 Grundschülerinnen und -schülern Berufsbezeichnungen entweder in geschlechtergerechter oder in männlicher Sprachform vor und ließen die Kinder die Berufe bewerten. Doch nicht nur bei Kindern ist Sprache ein Thema von großer Relevanz für D&I. 

In vielen Ländern wählen junge Frauen nach wie vor seltener Berufe aus dem sogenannten MINT-Bereich (das heißt Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) als junge Männer. Das mag daran liegen, dass sie von klein auf im Alltag weniger wahrscheinlich an diese Themen herangeführt werden (zum Beispiel selbst das Fahrradlicht reparieren) oder auch an „Stereotypen“ über Berufe. MINT-Berufe gelten als „typisch männlich“, ihre Ausübung gilt als „schwierig“ und sie werden häufig als besonders wichtig dargestellt. All dies wirkt als hohe Hürde und viele – nicht nur Mädchen – haben nicht genügend Selbstvertrauen, solche Berufe zu ergreifen. „Wir wollten untersuchen, ob man durch eine geschlechtergerechte Sprache die Wirkung des Geschlechtsstereotyps aushebeln kann“, sagt Studienleiter Dries Vervecken, „und ob wir durch die Verwendung von Sprachformen, mit denen die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird, dass auch Frauen diese Berufe ausüben, die Wahrnehmung von ‚typisch männlichen Berufen‘ und das Selbstvertrauen bei Kindern beeinflussen können.“

Zusammen mit seiner Kollegin Bettina Hannover führte Dries Vervecken zwei Studien mit 591 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren aus deutschen und belgischen Schulklassen durch, deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Social Psychology“ veröffentlicht wurden. Den Kindern wurden Berufsbezeichnungen vorgelesen: entweder geschlechtergerecht, also männliche und weibliche Form (zum Beispiel „Ingenieurinnen und Ingenieure“ statt nur „Ingenieure”), oder nur in der männlichen Pluralform. Insgesamt überprüften die ForscherInnen 16 Berufe, von denen acht männlich (Männeranteil größer als 70%, zum Beispiel Automechaniker) und fünf weiblich (Frauenanteil größer als 70%, zum Beispiel Kosmetikerin) dominiert sind; der Rest weist eine ausgeglichene Geschlechterverteilung auf. Die Kinder schätzten in einem Fragebogen für jeden Beruf ein, wie viel man in dem jeweiligen Beruf verdient, wie wichtig er ist, wie schwer zu erlernen und auszuführen er ist und ob sie sich selbst zutrauen würden, diesen Beruf zu ergreifen.

Kinder, denen die geschlechtergerechten Berufsbezeichnungen präsentiert worden waren, trauten sich viel eher zu, einen „typisch männlichen“ Beruf zu ergreifen als Kinder, denen nur die männliche Pluralform genannt worden war. Die typisch männlichen Berufe wurden nach der geschlechtergerechten Bezeichnung als leichter erlernbar und weniger schwierig eingeschätzt als nach der rein männlichen Bezeichnung. Eine Erklärung könnte darin liegen, dass Kinder bereits im Grundschulalter gelernt haben, männlich besetzte Aufgaben mit höherer Schwierigkeit zu assoziieren. „Unsere Ergebnisse zeigen: geschlechtergerechte Sprache verstärkt die Zuversicht von Kindern, in traditionell männlichen Berufen erfolgreich sein zu können“, sagt Bettina Hannover, Psychologin und Professorin für Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin. „Mit der systematischen Verwendung solcher Sprachformen – zum Beispiel durch Lehrkräfte und Ausbildende – kann also ein Beitrag dazu geleistet werden, mehr junge Leute für eine Karriere in diesen Berufen zu motivieren.“

Allerdings zeigen die Analysen auch, dass bei der Verwendung geschlechtergerechter Sprache die Berufe als weniger wichtig angesehen wurden und dass die Bezahlung in „typisch männlichen“ Berufen niedriger eingeschätzt wurde als nach Nennung der rein männlichen Berufsbezeichnung. „Die Studie vermittelt also eine ermutigende und eine weniger ermutigende Botschaft“, ergänzt die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Andrea Abele-Brehm. „Ermutigend ist, dass geschlechtergerechte Berufsbezeichnungen das Selbstvertrauen, entsprechende Berufe zu ergreifen, steigern können. Weniger schön ist, dass geschlechtergerechte Berufsbezeichnungen die Bewertung des Berufs, also dessen Wichtigkeit oder die Höhe des Gehalts, negativ beeinflussen.“

Sprache ist insgesamt ein relevantes Thema für D&I, was sich nicht nur bei Kindern zeigt und ebenso wenig auf den Bereich „Geschlecht“ beschränkt ist. In seinem Buch „Diversity & Inclusion – Das Potenzial-Prinzip“ thematisiert Diversity-Experte Michael Stuber Sprache als wichtige Umfeldbedingung für die D&I-Arbeit und führt anhand einiger Beispiele anschaulich vor Augen, wie viel Implizites in Begriffen und Sprichwörtern wie „Gastarbeiter“ oder „Der Kunde ist König“ steckt. Er zeigt, dass Sprache mithin einen Gradmesser für das gesellschaftliche Umfeld für Diversity & Inclusion darstellt. Zur aktuellen Studie verweist Stuber auf den prägenden Faktor des Massenmedium Fernsehen: „Angesichts der zahllosen Technik-Dokumentationen, die männliche Leistung immer aufs Neue glorifizieren, können wir uns über die Ergebnisse nicht wundern,“ sagt der Forscher, der selbst Inhaltsanalysen durchgeführt hat. Umgekehrt sei die Fokussierung weiblicher Themen auf Ästhetik deutlich unangemessen und für die negative Bewertung weiblicher Berufe mitverantwortlich.