Vereinbarung und Unternehmenskultur: Von großen Worten zu starken Taten?

Kein Event und keine Broschüre zum Thema Work/Life, bei denen nicht die Unternehmenkultur als Schlüsselbereich beschwört wird; ebenso die Vorbildfunktion der Führungskräfte. Die konkrete Gestaltung dieser Elemente bleibt jedoch weitgehend unklar und damit unerfüllt. Unterschätzte und unerwartete Barrieren behindern die wirksame Umsetzung.

Die Grundsatzfragen zu Work/Life Balance, wie der Business Case, sind weitgehend geklärt und entsprechende Eckpunkte sind häufig betrieblich vereinbart. Auch die technische – oder technokratische – Umsetzung stellt keine Hürde mehr dar, denn für die meisten Teilaspekte liegen Bausteinlösungen vor. Und so beschreiben vollmundige Strategien den Weg in eine Zukunft voller Vereinbarkeit, auf Basis von Partnerschaftlichkeit und zum Wohle der Geschlechtergerechtigkeit. Doch dieser Weg stellt sich unerwartet steinig dar, denn die Formel von Peter Drucker „Culture eats Strategy for Breakfast“ greift auch im Work/Life-Umfeld. Ungeschriebene Gesetzte, implizite Normen und unbewusste (Geschlechter-)Vorannahmen erschweren den Fortschritt oder führen zu Konflikten. In dieser Situation muss das Augenmerk nicht nur auf der Unternehmenskultur, sondern besonders auf der Führungskultur liegen. Denn sie prägt die betriebliche Realität durch Vorgaben, Grenzziehungen, Sinnstiftung (oder das Fehlen derselben) sowie vorbildliches Verhalten.

Die Bearbeitung der Führungskultur kann nicht delegiert werden

Die Sichtbarmachung und Reflexion der unsichtbaren Regeln, die – verständlicherweise – dazu dienen, Erfolgsmodelle zu erhalten, liegt einzig in der Hand des Managements und kann – anders als andere Umsetzungsfragen – nicht delegiert werden. Ebenso die Ergebnisse der erforderlichen Diskussionsprozesse: Sie können nur von den Führungskräften selbst umgesetzt werden – sowohl mit klaren Worten, Vorgaben und Erwartungen wie auch – weitaus wichtiger – durch ihr eigenes Führungsverhalten. Dieses „Vorbild-sein“ wird häufig als Selbstverständlichkeit erwähnt, doch die Erfahrung zeigt eindrücklich, dass auch (oder gerade?) in den obersten Managementebenen wenig Klarheit über die vielen symbolträchtigen Momente (sog. Moments of Truth) herrscht, in denen Führungskräfte ihren Worten tatkräftigen Schub verleihen könnten. Stattdessen bringen sie mitunter das mühevoll aufgebaute verbale Kartenhaus zum Einsturz.

Frühere Erfolgsstrategien über Bord werfen

Unter der Überschrift „Inclusive Leadership“ präsentieren ExpertInnen verschiedene Ansätze, wie Führungskräfte die Zielsetzungen von Diversity, Inclusion und der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben in ihr (tägliches) Führungsverhalten integrieren können. Dass dies keine einfache Aufgabe ist ergibt sich schon aus der Überlegung, dass ihr bisheriges Verhalten die Manager erfolgreich und zu dem gemacht hat, was sie heute sind: Angesehene Wirtschaftslenker. Ihnen Impulse für Veränderung zu geben und damit für die nötige Weiterentwicklung der Führungs- und (in der Folge) der Unternehmenskultur zu sorgen, braucht eine furchtlose Herangehensweise, ein breites Wissensfundament und langjährige Erfahrung im Umgang mit einem Themengeflecht, das wirtschaftliche Fragen mit politischen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt persönlichen Aspekten verbindet. Kurzfristige Erwartungen sind in dieser Gemengelage offensichtlich nicht angebracht. Eine ganzheitliche Vorgehensweise, die an wirtschaftlichen Prioritäten und persönlichen Interesse der Beteiligten ansetzt, dagegen schon.

 

Lesen Sie mehr zu Unternehmens-/Führungskultur und Inclusive Leadership:

http://de.diversitymine.eu/the-business-case-for-leadership-diversity-and-corporate-culture/

http://de.diversitymine.eu/studie-beschwoert-partnerschaftlichkeit-und-sieht-dennoch-vaeter-und-betriebe-in-der-pflicht/

http://de.diversitymine.eu/beyond-optical-illusions-turning-unconscious-bias-learning-into-practical-behavioural-change/

http://de.diversitymine.eu/junge-vaeter-fordern-flexibilitaet-unternehmen-kommunizieren-halbherzig/

http://de.diversitymine.eu/european-parliament-action-to-improve-work-life-balance-needed-at-eu-and-national-levels/

http://de.diversitymine.eu/befragung-zeigt-flexibles-arbeiten-ist-ein-muss-und-muss-sorgfaeltig-ausgewogen-werden/

 

Beiträge zu wenig thematisierten Biases im Kontext Vereinbarkeit bzw. Work/Life-Balance

http://de.diversitymine.eu/gender-krampf-selbst-spitzen-vaeter-polarisieren/

http://de.diversitymine.eu/finally-pregnancy-stigma-addressed/

http://de.diversitymine.eu/neue-vereinbarkeit-von-familie-und-beruf-schwacher-konsens-zwischen-politik-wirtschaft-und-gewerkschaften/

http://de.diversitymine.eu/employers-claim-they-care-about-working-mothers-but-dont-deliver-on-retention/

http://de.diversitymine.eu/eu-survey-shows-remaining-gender-differences-challenges-for-work-life-balance-and-obstacles-for-older-workers/