Fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder beeinflussen Frauenerwerbsbeteiligung

In westeuropäischen Industrieländern verzichten Frauen heute zunehmend auf Kinder. Die sinkenden Zahlen lassen sich durch ökonomische Modelle sowie den Wandel der Normen und Werte erklären. Allerdings existieren zwischen den einzelnen Staaten deutliche Unterschiede. Einige Gründe für dieses Phänomen, insbesondere gesellschaftliche Rahmenbedingungen, wurden vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung untersucht. Ein wesentliches Ergebnis bildet die Erkenntnis, dass die Chancengleichheit von Frauen und Männern in einer Gesellschaft ausschlaggebend für eine höhere Kinderzahl ist.Hierbei spielt die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Kinder eine große Rolle. Die Untersuchung zeigt, dass sich in keinem anderen westeuropäischen Land, mit Ausnahme von Irland, so viele Frauen derart häufig aus dem Erwerbsleben zurückziehen, wenn sie ein Kind zur Welt bringen, wie in Deutschland. In den relativ kinderreichen Ländern Schweden, Norwegen und Frankreich sind Frauen mit einem Kind fast ebenso häufig erwerbstätig wie kinderlose. Die Studie zeigt ferner, dass für die niedrige Geburtenrate u.a. die Betreuungsmöglichkeiten für die unter Dreijährigen entscheidend sind.In Frankreich besuchen 30, den Niederlanden 40 und in Schweden 48 Prozent aller Kinder unter drei Jahren eine Kindertagesstätte. Im kinderarmen Land Deutschland liegt diese Quote bei 10 Prozent.Die Untersuchung folgert unter anderem, dass Organisationen darauf angewiesen sind, ihren Mitarbeiterinnen Betreuungsmöglichkeiten für Kinder zu bieten, sofern sie die Potenziale von Frauen nicht verlieren wollen. „Diese Maßnahmen kommen natürlich auch Männern zugute und entbinden den Staat nicht von der Pflicht, die Kinderbetreuung auszubauen“, kommentiert der Diversity-Berater Michael Stuber das Ergebnis. Beispielhaft werden im folgenden Maßnahmen der Commerzbank kurz vorgestellt, die MitarbeiterInnen eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie erlauben. So übernimmt die Bank Kosten, die bei der Inanspruchnahme des „Familienservices“ entstehen. Ein E-mail-Newsletter informiert im Raum Frankfurt über Veranstaltungen, Angebote, Vorträge, Workshops oder Ferienangebote für Kinder. Die betriebseigene Einrichtung „Kids & Co.“ bietet Eltern kostenlose Kinderbetreuung für Notfälle. Bemerkenswert ist zudem das neuste Pilotprojekt in Frankfurt: Die Commerzbank erwirbt Belegrechte an einer Tagesstätte für Kinder von null bis sechs Jahren.Eine Notfallbetreuung wird auch von anderen Unternehmen angeboten. So haben die Ford-Werke in Köln „Ford Pänz“ eingerichtet, bei deren Inanspruchnahme sich Eltern kostenmäßig beteiligen. Die Bundesregierung unterstützt den Bedarf der Betreuung der unter Dreijährigen ab 2005 durch das am 28. Oktober 2004 beschlossene Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG).Zusätzlich zu strukturellen Maßnahmen ist es nach Meinung des Diversity-Experten Stuber zusätzlich erforderlich, an der Geschlechter-Kultur und den Geschlechter-Rollen in Deutschland zu arbeiten. Politik, Bildung und Erziehung, die Medien und Arbeitgeber seien aufgefordert, auch subtile Formen von Sexismus und Machoismus zu vermeiden.