Die Vielfalt persönlicher Werte: Mehr Spannung – mehr Konflikte und weshalb wir alle verantwortlich sind

Ideologisch motivierte Morde, hitzige Kampagnen für und gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und ein Plan, getrennte Buslinien für Juden und Palästinenser in der Westbank zu etablieren. Muss es noch offensichtlicher werden, dass einige Diversity-Schlüsselthemen über zu viele Jahre hinweg vernachlässigt wurden und sich nun mit Wucht zeigen? Wir zahlen nun einen hohen Preis, und dieser wird wahrscheinlich noch steigen. Die traurige Wahrheit dahinter: Wir waren zu beschäftigt mit unseren Lieblingsthemen (Sie wissen schon, die drei Gs: Gender, Generationen und Geographie) und haben dabei die Bedeutung persönlicher Werte dramatisch unterschätzt. Es ist einfach, diese als ‘Privatangelegenheiten’ abzutun, anstatt die Spannungen aufgrund vorhandener Monokulturen anzugehen.

Obwohl 9/11 womöglich der größte Schock für die westliche Welt in vielen Jahrzenten war, scheint es, als ob uns die Angriffe und der Verlust von tausenden Leben nicht das gelehrt haben, das sie hätten können und sollen. Bis zu den Charlie Hebdo Morden glaubte die große Mehrheit daran, dass dies Taten von einzelnen radikalen Terroristen waren und daher ein marginales Phänomen. Einige hingegen wiesen – schon damals 2001 – auf die tieferen Wurzeln der Probleme hin, rund um persönliche Werte, kollektive Überzeugungen und organisierte Ideologie, die eine kontinuierliche Spannung zwischen Gesellschaften und die weltweite Segregation erzeugt hatten. Seit ich meine Diversity Arbeit 1996 startete, war ich davon überzeugt, dass Religion und die damit zusammenhängenden Fragen bezüglich Werten und Überzeugungen genauso auf der D&I Agenda sein müssen wie sexuelle Orientierung und andere Themen, die unangenehme Diskussionen mit sich bringen können. Denn Menschen werden ihren Werten und Überzeugungen auf eine viel fundamentalere Weise angetrieben als dies jemals durch Zahlen geschehen kann. Und D&I muss genau dies thematisieren, im Kontext von Unternehmenswerten und Verhaltensstandards.

Wie sehr verschiedene Werte die Zusammenarbeit – negativ – beeinflussen können ist durch die Globalisierung immer stärker und sichtbarer geworden, wie auch durch die zunehmende Diversifizierung der Gesellschaften – hauptsächlich in der westlichen Welt. Hinter den offensichtlichen Aspekten, die in den Medien vereinfacht dargestellt werden ist die stillschweigende Zensur des Internets durch Apples iTunes und Goggles PlayStore ein Beispiel dafür, wie die gesellschaftlichen Normen der Vereinigten Staaten weltweit exportiert werden, während zur gleichen Zeit regionale Gesetze nicht immer als relevant betrachtet werden – zu sehen an Facebooks Reaktion zu den Datenschutz-Vorwürfen der EU. Dies sind wohl subtile Unstimmigkeiten, während kulturelle und religiöse Konflikte in Schulen oder am Arbeitsplatz und menschenverachtende Aussagen zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften überdeutlich machen, welche Kluft sich über die Jahre gebildet hat. Derweil denken viele, dass Gesellschaften unter dem Dach von Diversity und Inclusion näher zusammenrücken. Wie dachten – oder hofften – dass einige religiöse Führer eine modernere (oder eher realistische) Haltung entwickelt haben und ihre Gemeinschaften in Richtung Aufgeschlossenheit und Einbeziehung motivieren.

Die feindseligen und verachtenden Aussagen des Vatikans gegenüber Irlands Referendum für die gleichgeschlechtliche Ehe zeigen deutlich, dass wir nicht von Fortschritt reden können, wenn ideologische Positionen betroffen sind. Und Erdogans zahlreiche Gesetze, die die türkische Gesellschaft einschränken – nachdem sie sich jahrzehntelang aufgeschlossen entwickelt hatte! –zeigen, dass sogar ein langanhaltender Prozess innerhalb weniger Jahre rückgängig gemacht werden kann. Er wendet bewährte Methoden zur Kontrolle von Medien und Jurisprudenz an, um seine religiös-ideologische Agenda voranzubringen. Genauso wie Israel, wo die neu gewählte Regierung Politiker von rechtsaußen miteinschließt, die die Idee aufbrachten, getrennte Buslinien für jüdische Siedler und palästinensische Bürger in der Westbank einzurichten. Ein Konzept, das in rassistischen Epochen in anderen Ländern weit verbreitet war. Diese Beispiele zeigen, wie eng die Verbindung zwischen Stärkung von Ideologien und politischer Macht ist.

Über die letzten Jahrzehnte hätte politische Macht dafür genutzt werden können, die Ausweitung gesellschaftlicher Kluften aufgrund von Werteunterschieden zu verkleinern. Es ist bemerkenswert, dass kein westlicher Führer sich eindringlich für eine vielschichtige Gesellschaft ausgesprochen und den Beitrag gesellschaftlicher Gruppen zu Wohlfahrt und Wachstum betont hat – oder die Möglichkeit, die Vielfalt einer Gesellschaft zu nutzen, um Wohlfahrt und Wachstum für alle zu schaffen. Anstelle dessen nahmen erfolgreiche Führer wie Angela Merkel deutliche Standpunkte zu rationalen Elementen und immerzu schwache Standpunkte zu wertebasierten Elementen ein. Sie hat dazu beigetragen, die Türkei von Europa zu entfernen und sie ist dabei einen großen Fehler zu machen, weil sie nicht versteht, dass die Gesellschaft sich bereits in Richtung eines weiteren Konzepts von Familie und Ehe entwickelt hat. Sie wäre stark genug, hier einen Schritt zu tun, wie sie es bei anderen Themen gezeigt hat. Und sie würde unter Umständen auch Kritik einstecken müssen – besonders von religiösen Anhängern, wie es in Kanada passiert ist, als die Regierung sich für mehr Diversity und weniger religiöse Normen einsetzte. Aufgeschlossenheit gegenüber Unterschieden sollte ein fundamentaler Wert westlicher Nachkriegsgesellschaften sein – entsprechend der Ideale eines vereinten Europas. Und Inclusion sollte eine Schlüsselkompetenz zur Entwicklung von Bürgern der westlichen Gesellschaften sein, die in einer globalisierten Welt erfolgreich sein wollen. Wäre dies in den vergangenen Jahrzehnten der Fall gewesen, einige Konflikte wären nicht aufgetreten und höchstwahrscheinlich wäre die gesellschaftliche Kluft nicht so groß geworden: Gewalt in Frankreich und Dänemark, ein Referendum gegen Einwanderung in der Schweiz, Flüchtlingsfragen in Italien. Zu viele Negativ-Beispiele und fast keine positiven, um dies auszugleichen.

Der Umstand, dass die politische Führungsliga Diversity & Inclusion so eine lange Zeit nicht priorisiert hat, muss in die Ursachenanalyse um religiöse und werteorientierte Spannung aufgenommen werden. Wir können nicht länger nur ‚die Radikalen‘ für die Verfolgung ihrer Agenda beschuldigen, während wir nicht unseren Teil dazu beigetragen haben, eine kollektive Denkweise zu entwickeln, die Unterschiede wertschätzt und fördert. In Zukunft wird dies schwieriger sein, da die historische Last schwerer und die Grenzen starrer geworden sind. Auch hier dient Deutschland als negatives Beispiel: Die Integration der Arbeitsmigranten der Nachkriegszeit wurde nicht aktiv verfolgt bis Experten begannen über Parallelgesellschaften zu sprechen. Diese Kluft ist es heute wesentlich schwerer zu adressieren als es in den 1960er gewesen wäre. Leider wurde diese Lektion nicht genutzt, die Vielfalt persönlicher Werte vor und nach 2001 aktiv zu bearbeiten. Damit hätten wir nicht nur Gewalt vorbeugen können, sondern stärkere Gesellschaften geschaffen, die auf gemeinsamen Werten basieren und Vielfalt für Wohlstand und Wachstum Aller nutzen.