Berufliche Unterstützung für Migrantinnen – Chancen für Arbeitgeber

Wer benötigt welche Unterstützung und warum? Spricht man über Migrantinnen scheinen diese Fragen direkt auf die vermutete Doppeldiskriminierung abzuzielen und einen doppelten Schutzreflex auszulösen. Die Kommunikation – auch guter Ansätze – wird damit zweischneidig.

Mit einem neuen Mentorinnen-Programm für Frauen mit Migrationshintergrund und geflüchtete Frauen will das baden-württembergische Ministerium für Wirtschaft Erfolgsgeschichten erzeugen und Vorbilder fördern und damit Migrantinnen besser in den Arbeitsmarkt integrieren. Parallel ist das Modellprojekt „POINT●  – Potentiale integrieren“ des BMFSFJ gestartet, das allein geflüchtete Frauen (in Berlin) bei der Integration in Ausbildung und Arbeitsmarkt unterstützt. Firmen können sowohl beitragen als auch profitieren.

Weibliche Potenziale fördern oder Frauen besonders behüten und beschützen?

Das Phänomen zieht sich durch große Teile der Diversity-Arbeit: es besteht ein schmaler Grat zwischen

  • wohlgemeinter, gezielter Förderung, die womöglich implizit Defizite vermittelt und
  • eifriger Betonung von Potenzialen und Vorteilen, die eventuell subtile Barrieren und Biases ausblendet.

Sowohl konzeptionell als auch kommunikativ sind beide Aspekte in aktuellen Maßnahmen in Berlin und in Baden-Württemberg sichtbar. Im Südwesten erläutert die Ministerin anlässlich des Programmstarts, wie groß und wachsend der Fachkräftebedarf sei und dass Migrantinnen dabei unterstützt würden, ihren beruflichen Weg zu gehen. Hier scheinen die Potenziale im Vordergrund zu stehen. Derweil betont Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek vom BMFSFJ, dessen Programm anders als in Baden-Württemberg nur auf geflüchtete Frauen fokussiert, dass diese Frauen Unterstützung bei der Integration bräuchten „vor allem (jene), die alleine nach Deutschland gekommen sind“. Hier scheint das Schutz- und Förderbedürfnis im Vordergrund zu stehen – und die implizite Botschaft, dass geflüchtete Frauen ohne Männer in besonders prekären Situationen zu sein scheinen (sic).

Projektbezeichnungen passend und mit Bedacht gewählt?

Die Projekt-Titel weisen in die jeweils anderen Richtungen: Während das BMFSFJ sein Angebot cool und zeitgemäß ‚POINT – Potentiale integrieren‘ nennt, ordnet das Stuttgarter Ministerium sein Mentorinnen-Programm den recht antiquiert klingenden „Kontaktstellen Frau und Beruf“ zu. Die Konnotationen einzelner, begrenzter Kontaktpunkte zweier dem Grund nach fremder Welten wollen nicht so recht zu den gepriesenen Chancen und Potenzialen passen. Stattdessen erinnert der Titel an eine Vereinssitzung, die der Satiriker Loriot 1988 (sechs Jahre vor dem Entstehen der Kontaktstellen) auf die Leinwand gebracht hatte. Darin wurden Konzepte wie „Karneval trotz Frau und Umwelt” besprochen.

Praxistaugliche Konzepte zum Mitmachen

Wer die kommunikativen Hürden überwindet findet durchdachte Formate, die wirksame Hebel bedienen.

Im baden-württembergischen Mentoring unterstützt eine beruflich erfahrene Mentorin ihre Mentee mit ihrem Wissen und ihren Kontakten bei der Berufswegplanung und beim Aufbau eigener Netzwerke. Dabei sollen sowohl die beruflichen Interessen und Qualifikationen der Teilnehmerinnen wie auch die Bedarfe der Wirtschaft berücksichtigt werden. Entsprechend stellen Weiterbildung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weitere mögliche Themen des Programms dar. Mentees und Mentorinnen können dabei auf die Angebote der zwölf regionalen Kontaktstellen zurückgreifen. Für das Programm stellt das Ministerium rund 100.000 Euro zur Verfügung. Die Kontaktstellen arbeiten routinemäßig eng mit Wirtschaftsorganisationen, Weiterbildungsträgern, Arbeitsagenturen und Unternehmen zusammen. Diese können sich über die Kontaktstellen am Programm beteiligen, insbesondere mit Mentorinnen.

Im Berliner Modellprojekt erhalten die teilnehmenden geflüchteten Frauen professionelle und auf die individuellen Bedürfnisse abgestimmte Hilfestellungen durch Job-Coaches. Sie helfen bei der Qualifizierung und vermitteln den Frauen Förderangebote verschiedener Institutionen. Durch Vernetzung sollen Synergieeffekte geschaffen und der Aufbau von Doppelstrukturen vermieden werden. Zudem werden den Frauen zur besseren Bewältigung der „unterschiedlichen Herausforderungen“ ehrenamtliche Alltagsbegleiterinnen, sogenannte POINT sisters, zur Seite gestellt. Weitere Formate wie Workshops und Fachveranstaltungen runden das Angebot ab. Das Begleitsystem wird zwei Jahre erprobt.

Um bereits bestehende regionale Angebote zu bündeln oder zu verzahnen, wurde im Januar 2017 auch eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem BMFSFJ, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, der Bundesagentur für Arbeit, der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung des Landes Berlin sowie der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB) unterzeichnet.

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